Gottes Wort und Gottes Geist

Kein kleiner Mann im Ohr! Wie Gottes Geist dafür sorgt, dass wir sein Wort verstehen

Thomas Jeising

Wenn man Christen danach fragt, wie uns der Heilige Geist beim Verstehen der Bibel hilft, dann werden nicht selten Vorstellungen laut, die sich unter der Überschrift „Kleiner Mann im Ohr” zusammenfassen ließen. Aber flüstert uns der Heilige Geist irgendwie, was gemeint ist? Oder soll man aus seinen inneren Stimmen irgendwie die Stimme des Heiligen Geistes heraushören, wie ich es kürzlich las?

Fragt man die Bibel selber, dann zeigt sich, dass der Geist viel näher am Wort ist, als viele denken. Er „reitet” auf dem Wort Gottes. So hat es Martin Luther einmal ausgedrückt. Und darum ist der entscheidende Leitsatz für ein geistliches Bibelstudium: „Die Heilige Schrift legt sich selber aus”.

Gottes Geist im Wort

Wörter sind nicht nur zusammengesetzte Buchstaben mit einer Bedeutung. Sie können auch den Geist dessen mit sich bringen, der die Wörter geredet hat. „Seid still!” ist eine Aufforderung, die ein Vater ebenso im Zorn wie in Liebe sagen kann. Er kann entnervt seine Ruhe wollen oder umsichtig auf etwas aufmerksam machen, was man nur hört, wenn man schweigt. Was die gleiche Aufforderung in der Bibel bedeutet (z.B Ps 4,5; Ps 37,7; 1Thess 4,11; 1Tim 2,12), wird uns der Geist dessen verdeutlichen, der es gesagt hat. Während wir im Alltag meist aus der Situation erkennen, in welchem Geist etwas gesagt wurde, brauchen wir die Bibel als Ganze.

Denn hier stellt sich Gott so vor, dass wir lernen können, wie er es gemeint hat. Paulus drückt das so aus (1Kor 2,11): „Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als allein der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiß auch niemand, was in Gott ist, als allein der Geist Gottes”.

Gott hat sich also mit seinem Reden zu Menschen bekannt gemacht. Sein vielfaches Reden führte durch die Jahrhunderte bis zum Reden durch seinen Sohn Jesus Christus (Heb 1,1-2). Und heute haben wir Gottes Sprechen in den Wörtern, die in der Bibel aufgeschrieben sind. Wir hören oder lesen diese Worte und mit den Wörtern teilt uns Gott auch seinen Geist mit.

Im Gegensatz dazu geht etwa die jüdisch-rabbinische Schriftauslegung davon aus, dass man Gott nicht erkennen kann und es darum eine Anmaßung des Menschen ist, wenn er die Absicht Gottes, seine Motive und Ziele aus der Heiligen Schrift lesen will. Es gehe nur darum, festzulegen, auf welche Art und Weise man eine Forderung Gottes erfüllen kann. Ein humorvolles, aber doch ernst gemeintes Beispiel dafür gibt Eliyah Havemann:

RASEN BETRETEN VERBOTEN!

„Wäre das Schild ein g‘ttliches Gebot des Raseng‘ttes und sollte von einem Rasenjuden eingehalten werden, würde er nicht versuchen, den Grund zu ergründen, denn des Raseng‘ttes tiefe Gründe bleiben ihm verborgen, und es wäre anmaßend zu glauben, sie zu kennen. Daher hält er sich einfach an das Gesetz, wie es ihm übermittelt worden ist: „Rasen betreten verboten!“

Betreten ist jedoch etwas, das man mit den Füßen tut. Robben, Krabbeln, auf den Händen laufen, Fahrrad fahren, eine Decke darauf legen, Sitzen und Liegen fallen nicht unter dieses Verbot.

Rasen sind Grashalme ab einer gewissen Dichte und Reinheit, wie sie die Rasenrabbiner definiert haben, daher sind beispielsweise Stellen mit Blumen aus dem Verbot ausgeschlossen und dürfen betreten werden. Rasenrabbi Rose BenBlume aus dem Botanischen Garten Berlin sagt: Betreten kommt von „treten“, und dafür braucht man Treter, also Schuhe. Darum ist der Rasen ohne Schuhe begehbar.

Seine Anhänger sind besonders strenge Rasenjuden und robben, krabbeln und laufen auf Händen nicht nur ohne Schuhe, sondern komplett barfuß, da Socken schuhähnlich sind und ein Beobachter aus der Ferne glauben könnte, der Rasenjude trage Schuhe.

Rasenrabbi Erdloch BenTagebau aus Kohlenflöz wiederrum sagt, dass „betreten“ nur für eine Fußbewegung steht, die einen Tritt nach vorne beinhaltet. Deshalb verbietet er das Fußballspielen, erlaubt aber das Laufen mit Schuhen auf dem Rasen. […]

Die ganz strengen Rasenjuden spielen barfuß Frisbee und versuchen dabei auf einem Fleck mit mehr als 20 Gänseblümchen pro Quadratmeter zu stehen. Gepicknickt wird dann aber zusammen auf einer großen Decke.“ (Wie werde ich Jude? Und wenn ja, warum? München: Ludwig-Verlag, 2014: 47-48)

Wer sich jetzt an manche Diskussion unter Christen erinnert fühlt, mag ihre Berechtigung hinterfragen. Im Blick auf das Beispiel oben, machte man sich mit so einer Haltung nur Gedanken, ob „still sein” heißt, kein einziges Wort zu reden oder nur leise zu sprechen oder in welchen Situationen das gilt usw.

Jesus hatte seinen Freunden etwas anderes gesagt (Joh 15,15): „Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut.” Der Knecht ist nämlich nur Befehlsempfänger, der ausführen soll und nicht fragen. „Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan”. Jesus kam also auch auf die Erde, um den Men­schen klarzumachen, wie es Gott eigentlich gemeint hat.

Und als Jesus in die unsichtbare Welt des Himmels zurückkehrte, sandte er den Heiligen Geist, der diese Aufgabe weiter erfüllt (1Kor 2,12): „Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.”

Wer die Bibel also geistlich verstehen will, der kann das nur, wenn er neben einer einzelnen Stelle auch Gottes Wesen, Pläne und Absichten im Blick hat, wie sie in der Bibel als Ganzer und letztlich in seinem Evangelium in Jesus Christus zum Ausdruck kommen.

Äußere und innere Klarheit

Wer die Bibel mit anderen „Heiligen Schriften” vergleicht, wird erstaunt sein, wie verständlich die Bibel ist. Martin Luther hat einmal gesagt, dass ein siebenjähriges Kind alles verstehen könnte, wenn es die Originalsprachen beherrschte. Jeder kann lesen und verstehen, was ausgesagt ist. Auch wenn es natürlich einige Stellen gibt, die schwer verständlich sind. Aber es sind keine verworrenen oder völlig widersprüchlichen Texte. Luther hatte das treffend die „äußere Klarheit” der Heiligen Schrift genannt. Dieser äußeren Klarheit entspricht eine äußere Klarheit im Menschen, die eintritt, wenn er rein sachlich versteht, was ausgesagt ist.

Das hat übrigens zur Folge, dass niemand das Recht hat, zu behaupten, nur mit dieser oder jenen speziellen Art des Bibellesens könne man die Bibel verstehen. Die äußere Klarheit bedeutet auch, dass man die Bibel nicht jenseits ihrer klaren Aussagen verstehen kann. Man darf in ihr nichts anderes lesen, als was da mit klaren Worten steht.

Ist die äußere Klarheit ein Ergebnis des Wirkens des Heiligen Geistes, dann ist es die innere Klarheit erst recht. Denn hier geht es darum, dass die Bibel als das Wort Gottes in der Lage ist, uns die Rettung durch den Glauben an Jesus Christus zu vermitteln. Sie teilt uns nicht einfach dies oder jenes über die Geschichte Israels oder das Leben von Jesus mit, sondern es geht Gott von Anfang bis Ende darum, uns das rettende Evangelium von seinem Sohn ins Herz zu bringen. Das Wunder der inneren Klarheit besteht nicht nur darin, dass diese Botschaft überall hineingewoben ist, sondern dass die Bibel in der Lage ist, Glauben und Liebe zu Jesus zu bewirken.

Man kann dafür blind sein und die Bibel für eine bunte Sammlung religiöser Erfahrungsberichte halten. Wem aber der Heilige Geist den Verstand für das Evangelium öffnet, der kann es überall in der Bibel finden. Davon sprechen Petrus (1Pet 1,8-12) oder Paulus (Röm 10, 8-17). Und so hat der auferstandene Jesus die Bibel auslegt (Lk 24,27): „Er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war”.

Die innere Klarheit der Schrift bewirkt also die innere Klarheit beim Menschen. Jetzt findet der Glaubende Christus und hört das Evangelium. Selbst dort, wo das Wort Gottes ihn anklagt, sieht er, dass es ihn in die Arme von Christus treibt und seine Hoffnung auf das Evangelium herausfordert. Ohne den Glauben würde er vielleicht hören, dass er sich bessern soll. Meinte er, er habe ein Gebot erfüllt, würde er sich auf die Schulter klopfen, wenn nicht noch mehr anstrengen oder das Gebot für ungültig erklären. Ohne die innere Klarheit muss der Mensch die Bibel letztlich falsch verstehen. Das ist, was Paulus meint (1Kor 2,14): „Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden”.

Das gelebte Wort Gottes

Zum geistlichen Verstehen der Heiligen Schrift gehört die Erkenntnis, dass die Botschaft der Bibel gelebt werden will. Man kann sie nicht richtig verstehen als Unter­haltungsliteratur oder philosophische Abhandlung. Man muss sein Lebenshaus auf diesen Felsen bauen (Mt 7,24ff). „Wer mich liebt, der hält meine Worte”, sagt Jesus (Joh 14,24) und „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete” (Joh 15,14).

Wer mit und aus dem Wort Gottes lebt, wird die Erfahrung machen, wie die Aussagen gemeint sind. Geist­liche Schriftauslegung ist darum gelebtes Evangelium. Sie findet nicht nur im Studierzimmer statt, sondern ebenso im Leben der christlichen Gemeinde, im Gespräch mit Glau­benden und Nicht-Glaubenden. Die Höhepunkte dieser Schrift­auslegung sind wahrscheinlich unsere dunkelsten Stunden tiefer Anfechtung, wenn sich unser Herz daran klammert, was der Herr gesagt hat.

Das bedeutet aber auch, dass jede Auslegung vom Leben geerdet wird. Im Leben mit Jesus lernen wir, wie es gemeint ist. Wenn wir also ein stilles Leben führen sollen, dann hat das eine konkrete Wirklichkeit, die in den Alltag eines „normalen” Christen passen muss. Und dann zeigt sich, dass damit vor allem ein Leben in Demut und festem Vertrauen auf Gottes Handeln gemeint ist.

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